|
Voraussetzungen
für den tiergestützten Einsatz
Wenn
wir Tiere egal welcher Art in der therapeutischen Begleitung einsetzen
möchten, setzt dies voraus, dass wir den Bedürfnissen
der Tiere entsprechen und zunächst unsere Bedürfnisse
dem artgerechten Verhalten der Tiere unterordnen.
Artgerechte
Tierhaltung schließt für mich ein Wissen um das natürliche
Verhalten der Tiere ein. Denn es geht bei artgerechter Tierhaltung
nicht nur darum, elementare Grundbedürfnisse zu befriedigen,
sondern um das Ermöglichen der Art entsprechender Verhaltensweisen.
Meerschweinchen
sind Bewegungstiere. Sie benötigen daher viel Auslauf und eine
anregungsreiche Umgebung. Alle Behausungen sind mit ausreichendem
Nagematerial auszustatten. Durch dauernde Kau- und Nagebewegungen
müssen sich Meerschweinchen die Zähne abschleifen können.
Ebenso muss den Tieren unentwegt Heu und Wasser zur Verfügung
stehen.
Zu
den wichtigsten Grundbedürfnissen dieser Tiere gehören
allerdings Artgenossen, denn sie sind ausgesprochene Sippentiere.
Bei artgerechter Tierhaltung zeigen unsere kleinen Nager ein intensives
Ausdrucksverhalten mit vielfältigen Verhaltensweisen. Demzufolge
ist jede Meerschweinchenstunde ein Crash-Kurs in sozialer Kompetenz.
Meerschweinchen,
die im tiergestützten Bereich eingesetzt werden sollen, müssen
von klein auf gut auf ihre zukünftige Aufgabe vorbereitet werden
(Näheres dazu lesen Sie hier).
Und
natürlich muss man beim Einsatz der Tiere auch auf ihre Tagesverfassung
Rücksicht nehmen. Unser
kleiner Willi ist als kastriertes Böckchen zB sehr abgelenkt,
wenn eine der "Damen" brünstig ist. Überhaupt
können brünstige Weibchen für den Rest der Gruppe
sehr anstrengend sein. Daher bekommen Willi und das brünstige
Weibchen einen "Urlaubstag" und sind vierundzwanzig Stunden
später wieder voll einsatzfähig. Ist die Brünstigkeit
vorbei, kehrt auch wieder Ruhe in die Gruppe ein.
Auch
Tiere sind aus einem inneren Antrieb heraus aktiv sind. Das sollte
klar sein, um dem Tier unnötigen Stress zu ersparen und den
Kindern Frustration, wenn die augenblickliche Stimmung der Tiere
gerade nicht für die Arbeit mit Menschen geeignet ist. Es kommt
sogar vor, dass das brünstige Weibchen und auch das Böckchen
in dieser Zeit kaum Interesse an Futter zeigen, so dass selbst diese
Form der Motivation nicht funktioniert.
Jeder,
der im tiergestützten Bereich tätig werden möchte,
tut gut daran, eine fundierte Ausbildung zu erwerben. Denn Arbeit
mit Tieren ist nicht einfach nur "Kuschelpädagogik".
Wenn wir lernen, unsere Sicht auf die Lebewesen um uns herum menschlicher
und mitfühlender zu gestalten, legen wir den Grundstein für
ein Naturverständnis, das es uns ermöglicht, eins zu werden
mit dem Leben, das uns umgibt. Dieses Einssein umschreibt eine ebenso
einfache wie geniale Vision, der wir uns nur mit Kenntnissen des
Tierverhaltens nähern können. Ohne diese Kenntnisse können
wir die Potenzen der Zusammenarbeit mit den Tieren unmöglich
ausschöpfen.
Nie
hätte ich für möglich gehalten, dass diese kleinen
Pelznasen auch Gefühle der Geborgenheit bei unseren Kindern
hervorrufen. Jeder von uns, egal ob groß oder klein, braucht
Geborgenheitserfahrungen, um sich dem Leben stellen zu können.
Solche Erfahrungen von Schutz, Nähe und Annahme, auch mit kleinen
Meerschweinchen, geben Kraft für neue Wege und den nächsten
gemeinsamen Entwicklungsschritt.
|